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Know-how aus erster Hand

Nachhaltigkeitsberaterin und -forscherin Dr. Ulrike Eberle über ihre Erfahrungen im Beratungsalltag.

„Berater werfen Fragen auf und geben Denkanstöße, die Experten sind meistens schon im Haus.“

Dr. Ulrike Eberle (Bild: Dr. Ulrike Eberle)

Im Rahmen des Netzwerks berät Dr. Ulrike Eberle Unternehmen zu Fragen der umweltfreundlichen Produktentwicklung. Die selbstständige Chemikerin und Biologin bringt langjährige Erfahrung aus Beratung und Forschung zu Nachhaltigkeitsthemen mit und berichtet im folgenden Interview über ihre Erfahrungen im Beratungsalltag.

 

Sie führen selbst Beratungen in Unternehmen durch. Können Sie sich an ein besonderes Erfolgserlebnis bei einer solchen Beratung erinnern? 

Eberle: Ein Unternehmen, das ich beraten habe, hat gerade den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2012 gewonnen. Ich habe es insbesondere bei der Klimaschutzstrategie begleitet und kritische Prüfungen der Klimabilanzen durchgeführt. Die Auszeichnung ist jetzt ein schöner Erfolg! Aber nicht jede Beratung führt zu so unmittelbaren Erfolgserlebnissen. Grundsätzlich will ich in der Beratung Denkanstöße geben und Prozesse und Wertschöpfungsketten gemeinsam mit den Unternehmen unter Umwelt-/ Nachhaltigkeitsperspektive refl ektieren. 

Wie läuft denn so eine Beratung ab? 

Eberle: Wichtig ist zunächst das Verständnis, dass die wahren Experten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens sind. Sie kennen die unternehmensinternen Prozesse und Abläufe. Als Berater kann man an diese Prozesse aus Umwelt- und Nachhaltigkeitsperspektive neue Fragen stellen und Tipps für Optimierungen geben. Wesentlich ist auch, dass es ein klares Commitment des Unternehmens gibt und dass die Leitungsebene die Beiträge der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wertschätzt. Als Berater geben wir Denkanstöße und zeigen die Fragen auf, die man stellen muss. Zum Beispiel fragen wir häufig nach der Wertschöpfungskette eines Unternehmens und stellen dabei fest, dass diese im Unternehmen nicht komplett bekannt ist. Denn Nachhaltigkeit ist nur dann umsetzbar, wenn sie integraler Bestandteil der Geschäftspolitik ist und ins Kerngeschäft des Unternehmens einfließt. Welches Know-how dafür im Unternehmen aufgebaut wird, und welche Leistungen eingekauft werden sollen, muss dann individuell beantwortet werden. 

Eigentlich müssen die Beratungen doch sehr attraktiv für Unternehmen sein, weil Verbesserungen im Umweltbereich doch auch häufig mit Kosteneinsparungen verbunden sind. Müssen Sie nicht eigentlich von Anfragen überrollt werden?

Eberle: Im Klima- und Energiebereich ist es meistens so, dass Kosteneinsparungen realisiert werden können. Aber auch da muss man investieren. Generell sind ökologische Maßnahmen nicht immer mit direkten Kosteneinsparungen im Unternehmen verbunden. Oft haben Investitionen auch lange Amortisationszeiträume oder der Erfolg der Maßnahme ist nicht direkt zu beziffern. Auch sind natürlich die Einsparpotenziale unterschiedlich groß. Wenn Umweltschutz aber ehrlich und gut umgesetzt wird, dann ist es immer ein Imagegewinn und somit eine gute Investition in die Zukunft. Nicht zuletzt, weil das Unternehmen dadurch auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter attraktiver wird. 
Die Hemmnisse sind unterschiedlich und häufig in der Unternehmenskultur begründet. Erkennbar ist, dass gerade Familienunternehmen oft langfristiger orientiert sind und kurzfristige Kosteneinsparungen deswegen eine geringere Rolle spielen. Unternehmen, die hingegen eine absurde Rendite erwarten, rechnen meist mit kurzfristigeren Amortisationszeiträumen. Es gibt natürlich aber auch Überzeugungstäter. Und man darf nicht davon ausgehen, dass Unternehmen immer betriebswirtschaftlich denken. Zum Beispiel ist es in großen Unternehmen häufig so, dass die Investitions- und Betriebskosten in unterschiedlichen Abteilungen verwaltet werden. Dann kann es sein, dass ein Gerät in der Anschaffung zwar günstig ist, aber hohe Betriebskosten hat. Das wiederum stört den Einkauf nicht, da es ja nicht von ihrem Budget gezahlt wird. Das sind Dilemmata, auf die wir in einer Beratung hinweisen können. 

Wie kommt eine Beratung zustande? Haben die Unternehmen schon konkrete Ideen und suchen dann Hilfe oder kommen sie eher mit einer allgemeinen Anfrage auf Sie zu? 

Eberle: Oft sind es Impulse von außen, durch die Unternehmen auf die Thematik aufmerksam werden. Der Klimawandel zum Beispiel ist ja seit 2007 stark in der öffentlichen Debatte und in den Medien vertreten. Das hat viele angetrieben, sich damit auseinander zusetzen. Die britische Supermarktkette TESCO hat damals zum Beispiel angekündigt, alle Produkte mit einem Carbon Footprint zu versehen. Bei vielen Zulieferern hat das dazu geführt, sich ebenfalls Gedanken über Klimaschutz zu machen. Auch der Film „Eine unbequeme Wahrheit“ von Al Gore war für viele ein solcher Anstoß. Manche Unternehmen kommen aber auch mit konkreten Fragestellungen zu einzelnen Produkten, Prozessen oder zur Unternehmensstrategie auf uns zu. 

Gibt es Warnsignale, die ein Unternehmen erkennen lassen, dass eine externe Beratung sinnvoll sein könnte? 

Eberle: Aus meiner Sicht ist es unabdingbar, dass Unternehmen ihren Status quo im Umweltbereich kennen. Die betriebswirtschaftlichen Zahlen sind ja auch präsent, im Umweltbereich weiß hingegen kaum jemand, wie es steht. Damit müssen sich die Unternehmen beschäftigen. Umweltmanagementsysteme wie ISO 14001 sind da ein Anfang. Aber auf die Frage, wo denn die Baumwolle für die produzierten T-Shirts wächst, kann häufig keiner antworten. Dabei wäre es wichtig, die eigenen Wertschöpfungsketten zu kennen. 

Gibt es auch Widerstände bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern? 

Eberle: Ja, natürlich, aber wenn die Unternehmensleitung sich committed hat, mehr Umweltschutz umzusetzen und die notwendigen Handlungsspielräume gegeben werden, dann ist es auch ein attraktives Thema. Es ist wichtig, Schritt für Schritt besser werden zu wollen, das sollte das Ziel sein. Wie groß die Schritte dann jeweils sind, ist unterschiedlich. Man darf die Unternehmen auch nicht überfordern. Natürlich würde ich gerne oft weitergehen, aber es ist gut, manchmal zumindest einen Zugang geschaffen zu haben.
Ein gutes Beispiel um Widerstände zu erkennen, ist immer die Dienstwagenfl otte. Für die Klimabilanz macht die Flotte zwar meist nicht viel aus, das liegt im Bereich von etwa ein Prozent, aber sie hat einen hohen symbolischen Wert. Das führt häufi g zu schwierigen Diskussionen im Unternehmen, an denen man erkennen kann, wie weit das Unternehmen gehen will und bereit ist, sich zu bewegen. Dienstwagen drücken ja auch Hierarchien aus. Dabei kann man durchaus in einer Wagenklasse bleiben und trotzdem den mit dem geringsten CO2-Ausstoß nehmen. Wenn auch die Chefetage einen umweltfreundlicheren Dienstwagen fährt, ist das durchaus ein Signal ins Unternehmen hinein, dass Klimaschutz ernst gemeint ist. Wie schnell erkennt man, ob Potenziale im Unternehmen vorhanden sind? Eberle: Im Effi zienzbereich gibt es eigentlich immer Potenziale. In vielen Beratungen geht es aber darum, die Wertschöpfungsketten eines Unternehmens zu betrachten und zu analysieren. Wir raten den Unternehmen, sich zunächst dort Ziele zu setzen, wo sie direkten Einfl uss haben. Der Einfl uss auf die Wertschöpfungsketten ist meist indirekter. Zudem sind die Wertschöpfungsketten oft sehr diffus und variabel, so dass es wesentlich schwieriger und komplexer ist, Einfl uss zu nehmen. Das geht in der Regel nur über Kooperationen. Hier ist nicht zuletzt der Einkauf gefragt, der zumeist gehalten ist, nach rein ökonomischen Kriterien zu handeln. Oft ist im Arbeitsvertrag auch ein Bonus für den geringsten Preis festgeschrieben. Umwelt- und Nachhaltigkeitskriterien fehlen hingegen meistens. Hamburg fördert die Erstberatung. Ist dies Motivation genug, um den ersten Schritt zu gehen? Eberle: Das kann Motivation sein, das glaube ich schon. Insgesamt sollte das Beratungsangebot noch bekannter werden. Der Antragsaufwand ist ja zum Glück vergleichsweise gering. Was muss geschehen, damit das Thema noch stärker in den Fokus rückt? Eberle: Was wir brauchen, sind klare Rahmenbedingungen und klare Orientierungen. Unternehmen sind sehr wohl in der Lage, sich danach auszurichten, wenn der Rahmen klar und verlässlich ist.