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Antje Knaack zu Perspektiven und Erfolg des Projektes zur umweltfreundlichen Produktentwicklung.

„Verbesserungen müssen laufend durchgeführt, Produkte und Prozesse hinterfragt werden.“ 

Antje Knaack (Bild: Manfred Koß)

Antje Knaack ist Fachreferentin für Integrierte Produktpolitik (IPP) bei der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt und betreut das Projekt zur Umweltfreundlichen Produktentwicklung. Sie ist Ansprechpartnerin für alle Unternehmen, die sich mit der Umweltfreundlichkeit ihrer Produkte befassen wollen, und stellt sich im Folgenden einigen Fragen zu Erfolg und Perspektive des Projektes.  

 

Warum haben Sie sich in diesem Projekt speziell auf die Phase der Produktentwicklung konzentriert? 

Knaack: IPP will eine Denkweise vermitteln, bei der der Lebenszyklus von Produkten unter ökologischen Gesichtspunkten betrachtet wird. Da gibt es unterschiedliche Ansatzpunkte, aber besonders entscheidend ist die Entwurfs- und Designphase, weil hier bereits der überwiegende Teil der Umweltbelastungen festgelegt wird. Deswegen wollen wir an dieser Stelle den Hebel ansetzen, um die Hamburger Wirtschaft zu sensibilisieren, ihre Produkte zu überarbeiten und unter umweltfreundlichen Gesichtspunkten zu entwickeln. Wir sehen hier das größte Potenzial. IPP basiert auf drei wesentlichen Grundsätzen: Denken in Kreisläufen und Herstellerverantwortung in allen Lebensphasen des Produktes, Zusammenarbeit mit dem Markt und Einbeziehung aller Beteiligten. Gerade die Einbeziehung aller Akteure entlang des Lebenszyklus spiegelt sich in der neuen europäischen Roadmap „nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion“ wider, in die die Integrierte Produktpolitik eingefl ossen ist. Produzenten und Konsumenten stehen sich nicht als Pole gegenüber, sondern können voneinander lernen und sich beeinfl ussen. Für die Praxis ist wichtig, dass Umweltfreundlichkeit nicht als absoluter Zustand verstanden wird. Vielmehr müssen Verbesserungen laufend durchgeführt werden und Prozesse hinterfragt werden. Umweltfreundlichkeit ist also eher als Innovationsrichtung zu verstehen. 

Schulungen für Berater, Beratungsförderung, zahlreiche Fachveranstaltungen, eine Netzwerkgründung und der Wettbewerb sind ja ein ganzer Strauß an Anreizen für Hamburger Unternehmen. Zahlen sich die Bemühungen aus? 

Knaack: Uneingeschränkt ja. Ich betreue das Thema seit 2005. Wir starteten im Gesundheitswesen und haben Krankenhäuser und Hersteller von bildgebenden Diagnostikgeräten an einen Tisch geholt, um Transparenz in Produktdaten zu bringen, die ökologische Relevanz für die Einkaufsentscheidung und Nutzungsphase hatten. Ich kann mich noch gut an die Akquisearbeit und Vermarktung erinnern, da steckte viel Arbeit drin. Aber es fruchtet. Gerade letztens rief mich ein Krankenhaus an und erkundigte sich nach den neuesten Entwicklungen im Politikfeld der nachhaltigen Produktentwicklung. Ich versuche aktuelle Diskussionen aufzunehmen und Raum zum Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer zu schaffen. Mir ist aber bewusst, dass die Maßnahmen, die wir anschieben, auf Freiwilligkeit beruhen. Zudem kann ich die Maßnahmenpakete, die ich am Schreibtisch schnüre, nicht vorher testen. Im Jahr 2007 haben wir das erste Mal einen Wettbewerb gestartet, der als Prototyp gelten kann. Daraus hat sich dann dieses dreijährige Projekt mit seinen verschiedensten Aktivitäten entwickelt. Aber wir können nicht sicher sein, wie die Angebote angenommen werden. Eine Lebenszyklusbetrachtung hat so viele Ansatzpunkte und eine sehr hohe Komplexität. Ich spreche branchenübergreifend an und damit Unternehmensstrukturen und Produkte, wie sie vielfältiger nicht sein könnten. Damit sich alle angesprochen fühlen, bedarf es daher auch vielfältiger Angebote. Man muss experimentierfreudig bleiben. Manches Thema braucht seine Zeit um zu reifen.

Aber hat der Wettbewerb nicht gerade gezeigt, dass die breite Ansprache der Unternehmen auch gut funktionieren kann? 

Knaack: Ich bin hochgradig begeistert – sowohl von der Vielfalt der Bewerbungen als auch der Branchen, die sich beworben haben. Es ist großartig zu sehen, dass umweltfreundliche Produktentwicklung eben keine abgehobene Theorie ist, sondern tatsächlich auch eine Umsetzung in der Unternehmenswelt erfährt und in der Gesellschaft angekommen ist. In einer Welt von knapper werdenden Ressourcen werden mittelfristig nur Unternehmen am Markt fortbestehen, die frühzeitig ökologische Merkmale von Produkten in die Unternehmensstrategie einbeziehen. Ich denke, wir müssen anders und neu denken lernen. Schon Einstein hat erkannt, das Probleme niemals mit derselben Denkweise gelöst werden können, durch die sie entstanden sind. Die Wettbewerbsbeiträge zeigen, dass die Unternehmen nach vorne blicken, Neues probieren und nicht in angestammten Geschäftsfeldern verweilen. Auch mit Dienstleistungen im Bereich der umweltfreundlichen Produktentwicklung lässt sich gutes Geld verdienen. Dies ist auch ein Schritt in Richtung Produktnutzungssystem. Es darf nicht mehr länger nur darum gehen, so viele Produkte wie möglich zu verkaufen. Vielmehr muss es darum gehen, den Produktnutzen optimiert über alle Lebenszyklen in den Vordergrund zu stellen. 

Der Wettbewerb war für umgesetzte Projekte und Ideen offen. Welche Kategorie war härter umkämpft? 

Knaack: Tatsächlich wurden Bewerbungen für umgesetzte Projekte und Ideen in gleichem Maße eingereicht. Die Bewerbungen lagen sehr eng beieinander und das auf einem sehr hohen Niveau. Das zeigt, dass es bereits viele Unternehmen gibt, die mit ganz viel Engagement dabei sind. Es wird Zeit, dass der Markt dafür bereit ist. 

Wenn Unternehmen in die umweltfreundliche Produktentwicklung einsteigen wollen – was ist der erste Schritt? 

Knaack: Interessierte Unternehmen können mich gerne persönlich ansprechen. Außerdem haben wir einen Internetauftritt, auf dem viele Informationen rund um das Thema umweltfreundliche Produktentwicklung zu finden sind. Zudem können Unternehmen unser Beratungsangebot in Anspruch nehmen, um ökologische Verbesserungspotenziale bei ihren Produkten aufzudecken. Sie können sich aus einem Beraterpool einen Berater suchen. Die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt übernimmt zwei Drittel der Beratungskosten bis zu einer Obergrenze von 6.000 Euro netto. 

Wie geht es nach dem Wettbewerb weiter? 

Knaack: Das Projekt Umweltfreundliche Produktentwicklung ist auf drei Jahre angelegt und läuft bis Ende 2013, danach wird es eine Fortführung geben. Die Fortsetzung des Förderprogramms zu Entwicklungs- und Forschungsprojekten des Produktdesigns ist für weitere zwei Jahre geplant. Auch unser wissenschaftliches Netzwerk wird fortgeführt. Wir werden also weiter im Austausch bleiben und Informationen und Workshop-Reihen zum Thema anbieten. Produktentwicklung, Materialeffizienz, Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft haben einen festen Platz in der UmweltPartnerschaft Hamburg.