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Prof. Dr. Kerstin Kuchta über umweltfreundliche Produkte, Kreislaufwirtschaft und Handlungsbedarf.

„Die vielen Erkenntnisse aus dem Recycling und der Verknappung der Rohstoffe müssen wir jetzt für die Produktentwicklung nutzen.“  

Prof. Dr. Kerstin Kuchta (Bild: TU Hamburg-Harburg)

Prof. Dr. Kuchta ist Expertin in der Abfallwirtschaft. Sie studierte technischen Umweltschutz und beschäftige sich lange Zeit mit der Infrastrukturplanung für Abfall. Schon in den Neunzigern verlagerte sich ihre Forschungsarbeit aus Überzeugung weiter nach vorne im Produktlebenszyklus und konzentrierte sich auf das Qualitäts- und Umweltmanagement. Einen Schwerpunkt legte sie auf den damaligen Sonderforschungsbereich umweltgerechte Produktentwicklung. Kreislaufschließung unter besonderer Berücksichtigung von Material- und Energieeffizienz bilden bis heute den Schwerpunkt ihrer Arbeit.  

Sie kommen aus dem technischen Umweltschutz und forschen viel in der Abfall- und Kreislaufwirtschaft. Gab es eine persönliche Motivation, sich auf diese Gebiete zu konzentrieren? 

Kuchta: Es ist schon ein Weltrettungsgedanke, der einen als junger Mensch umtreibt. So kam ich zu der Erkenntnis, dass sich viel verändern muss. Aber um die Zeit zu geben, dass sich politisch und gesellschaftlich etwas verändern kann, müssen wir Ingenieurinnen und Ingenieure alles so am Laufen halten, dass es auch noch möglich ist. Und dafür waren die Kreislaufführung und das Recycling natürlich ideal. Ich promovierte dann zum Thema Qualitätssicherung und Verwendung von Müllverbrennungsaschen - getrieben von der Idee, nicht einfach alles unbedingt zu deponieren, sondern möglichst viel sinnvoll weiterzunutzen. 

Bei Ihrem Beitrag auf unserer Fachveranstaltung zum Thema Refurbishing an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften im April 2012 meine ich herausgehört zu haben, dass Sie froh sind, dass das Thema umweltfreundliche Produktentwicklung in Hamburg wieder auf der Agenda ist? 

Kuchta: Ja, extrem froh. Wie gesagt war ich in den Neunzigern in den großen Bundesforschungsvorhaben zur umweltgerechten Produktentwicklung involviert. Wir haben beim Automobil angefangen und dann auch im kleinen Elektronikbereich sehr viel mit Firmen zusammengearbeitet. Die Projektteilnehmer aus Wirtschaft und Wissenschaft waren begeistert, nur die konkrete Umsetzung der Projekte und die Schaffung passender Unternehmensstrukturen fehlte völlig. Scheinbar waren andere Aspekte wohl viel wichtiger. Das Thema fiel unter den Tisch. Nun bin ich wirklich froh, dass es wieder Bewegung gibt. Es ist Zeit, dass wir umweltfreundliche Produktentwicklung am Schopfe packen und erkennen, dass es der Motor für Ressourcenschonung und Kreislaufführung ist. Das ist auch der Gedanke, der in der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt vorherrscht. Deshalb wurde der Fokus in diesem Projekt auf die Produktentwicklung gelegt. 

Stimmen Sie zu, dass dort ein Großteil der Umweltauswirkungen des Produktes festgelegt wird? 

Kuchta: Ja, wir haben inzwischen so viele Kenntnisse aus dem Recycling und der Verknappung der Rohstoffe gewonnen, dass wir eigentlich genug Wissen haben, um es für die Produktentwicklung nutzbar zu machen. Und es gilt jetzt noch einmal zu pushen: Umweltfreundlichkeit muss integraler Bestandteil bei der Neuentwicklung von Produkten sein. Das ist der Impuls, der weitergetragen werden muss. Es ist gut, dass über umweltfreundliche Produktentwicklung gesprochen wird. Der Wettbewerb und die Publizität helfen dabei. Und wir haben natürlich auch den wichtigen Auftrag, die umweltfreundliche Produktentwicklung in die universitäre Ausbildung zu implementieren. Das heißt, die Studierenden wissen eigentlich, wie man ein Produkt umweltfreundlich entwickeln kann, VDI-Richtlinien geben da Auskünfte. 

Rückwärts gedacht, kann also das Kreislaufwirtschaftsgesetz auch Impulse zum umweltfreundlicheren Produktdesign geben? 

Kuchta: Ja, aber es ist immer noch sehr am Ende der Kette orientiert. Sie müssen auch sehen, dass mit der Recyclingwirtschaft immer noch viel Geld verdient wird. Insofern ist auch diese Wirtschaft froh, dass Materialien ankommen, die dann recycelt werden können und nicht so im Produkt angelegt sind, dass sie direkt weiterverwertet werden können. Das Kreislaufwirtschaftsgesetz hat den Daseinsvorsorgeanspruch, dass alles sauber für die Leute ist. Zeitgleich soll die Entsorgungswirtschaft mit Stoffen versorgt werden. Ich glaube, da brauchen wir flankierende Gesetze, die noch weiter vorne in der Produktentwicklung ansetzen. 

Was wären denn geeignete flankierende Gesetze? 

Kuchta: Zum Beispiel Recyclingpässe, wie sie im Rahmen der Integrierten Produktpolitik entwickelt wurden, wären klasse. So könnte dargestellt werden, dass das eine Produkt am Ende seines Lebenszyklus entsorgt werden muss und ein Anderes grün ist und zurückgeführt wird. Und das eben nicht nur bei Pfandflaschen, sondern auch bei Handys. Wir könnten auch dort ein Pfandsystem einführen. Das würde von den Stoffströmen einiges bringen. Denn dort wo Hersteller ihre Produkte zurücknehmen, werden die Produkte besser, das wissen wir. Ein eigenes Recycling führt zu mehr Verantwortung beim Produktdesign.

Recyclingpässe gibt es leider nicht und Pfandsysteme gibt es nur für ausgewählte Produkte. Wie kann der Konsument denn im Vorfeld erkennen, ob ein Produkt umweltfreundlich konstruiert wurde? Gibt es passende Kennzeichnungen? 

Kuchta: Es gibt verschiedene Label um nachhaltig gewonnene Rohstoffe zu erkennen, zum Beispiel für Produkte wie Papier oder Holz. Das ist schon einmal sehr gut, sagt aber noch nichts über die Produktgestaltung aus. Da müsste tatsächlich noch nachgebessert werden. Dies kann ein Verbraucher aktuell nicht erkennen. Eine Kennzeichnung für die Kreislauffähigkeit und nachhaltige Produktgestaltung wäre eine schöne Sache. Wichtig ist beispielweise, ob ein Produkt reparierfähig oder modular aufgebaut ist, so dass man Verschleißteile ersetzen kann. Als Negativbeispiel nehmen wir etwa Mobiltelefone, bei denen man an den Akku nicht heran kommt. 

Man vermutet, dass Kaufentscheidungen für Vorprodukte in Unternehmen noch seltener nach Umweltgesichtspunkten getroffen werden. 

Kuchta: Tatsächlich sind die Entscheidungen in der Regel ökonomisch ausgerichtet. Es gibt einige sehr verantwortungsbewusste Unternehmen, die viel Wert auf Umweltfreundlichkeit legen und die Informationen auch weitergeben. Das muss einfach Schule machen. Hilfreich ist, wenn sich auch auf der Nachfrageseite der Anspruch erhöht und somit Druck auf die Unternehmen ausgeübt wird, mehr Verantwortung für den gesamten Produktlebenszyklus zu übernehmen. 

Das heißt dann aber auch, dass im Bereich der umweltfreundlichen Produktentwicklung noch riesige Potenziale offen liegen. 

Kuchta: Ja und im Moment scheint wirklich eine Morgendämmerung angebrochen zu sein, so dass man sagen kann, es gibt einen Boden dafür. Die Verbraucher und auch die Hersteller sind gerade sensibel, viel mehr als in den Neunzigern. Diese Chance sollte man nicht vorbeigehen lassen. Erneut sind Unternehmen und Politik gemeinschaftlich gefordert, tätig zu werden, um umweltfreundliche Produkte besser auf dem Markt platzieren zu können.