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Betreiber Stefan Schridde der Plattform "Murks? Nein danke" über Motivation, Ziele und die Macht der Vebraucher.

„Alle kennen das Problem, dass Produkte viel zu schnell oder direkt nach dem Ablauf der Garantie kaputt gehen.“ 

Stefan Schridde (Bild: Stefan Schridde)Stefan Schridde betreibt den Internet-Blog „Murks? Nein danke!“, der sich dem Thema der geplanten Obsoleszenz verschrieben hat und sich für eine nachhaltige Produktverantwortung von Herstellern einsetzt. Unter geplanter Obsoleszenz versteht er eine Strategie von Herstellern, Geräte bewusst so zu konstruieren, dass sie nach einer gewissen Zeit, beispielsweise kurz nach Ablauf der Garantie, kaputt gehen. Menschen können auf der Plattform solche Produkte melden und so geplante Obsoleszenz sichtbar machen. Ein Gespräch mit dem selbständigen Dipl. Betriebswirt (FH) Stefan Schridde über Ziele, Motivation und die Macht der Verbraucher.

 

Sie haben den Blog „Murks? Nein danke!“ im Februar 2012 gegründet. Wie kam es dazu? 

Schridde: Zum einen waren die eigenen Erlebnisse für mich die Initialzündung. Man kennt das ja: Rei.verschlüsse, die zu schnell kaputt gehen, Schuhsohlen, die schnell abgelaufen sind. Dann habe ich den Dokumentarfi lm „Kaufen für die Müllhalde“ gesehen, der sich mit geplanter Obsoleszenz befasst und eindrucksvolle Beispiele dafür zeigt. Die Bilder von Kindern in Afrika, die über unseren Müll laufen und die giftigen Dämpfe einatmen, haben mich als Vater von zwei Kindern schließlich dazu bewogen, verstärkt zur Aufklärung über dieses Thema beitragen zu wollen. Der Blog „Murks? Nein danke“ war eigentlich nur als Zwischenlösung gedacht, aber mittlerweile hat er ja schon sehr viel Impulskraft gezeigt. 

Tatsächlich hat Ihr Blog schon nach kurzer Zeit über 5 Millionen Leserinnen und Leser weltweit, mehr als 100 aktive Unterstützer bundesweit. Sie scheinen mit dem Thema einen Nerv der Zeit getroffen zu haben. 

Schridde: Der Zustand der Krankheit scheint so stark zu sein, dass er von allen wahrgenommen wird. Alle kennen das Problem, dass Produkte viel zu schnell oder direkt nach dem Ablauf der Garantie kaputt gehen, und fragen sich: 

Warum ist das so? Da habe ich wohl einen neuralgischen Punkt getroffen. Steckt denn bei den Unternehmen tatsächlich System dahinter? 

Schridde: Unternehmen laufen heute nur noch dem Applaus der Shareholder hinterher. Aber reine Rendite-Kriterien reichen nicht aus, um als Unternehmen erfolgreich zu sein. Wenn Firmen nur auf die Rendite und die Zufriedenheit der Shareholder schauen, produzieren sie am Markt vorbei. Der Markt lässt sich das aber nicht gefallen und dann passiert eben so etwas wie „Murks? Nein danke!“. Außerdem werden so Möglichkeiten für andere Unternehmen eröffnet, in den Markt einzutreten und dann schwindet die Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens. Für mich ist klar: Geplante Obsoleszenz schadet allen, auch den Unternehmen. Unser Ziel muss eine funktionierende Kreislaufwirtschaft sein, in der es keine Endverbraucher mehr gibt. 

Solange die Wirtschaft das nicht verstanden hat, wird sie weiter am Markt vorbei produzieren. Es muss darum gehen, die Kunden zu Partnern zu machen und sie einzubeziehen. Wie kann das funktionieren? 

Schridde: Das Prinzip der Kundenorientierung muss wiederentdeckt werden. Das Ziel muss die Langlebigkeit von Kundenbeziehungen sein, nicht nur die Langlebigkeit von Produkten. Dadurch erhöht sich die Resilienz von Unternehmen in einem globalen Wettbewerb. Dabei müssen die Anforderungen der werdenden Kreislaufgesellschaft ins Zentrum des unternehmerischen Zielsystems gestellt werden. 

Welche Rolle spielt denn der Händler in dieser Debatte? Hat er nicht auch eine Beratungsfunktion gegenüber den Kunden? 

Schridde: Die Komplexität von Produkten ist zu groß geworden. Allein beim Kauf eines Telefons gibt es schon so viele Funktionen und Details zu berücksichtigen, dass viele Menschen es sich leicht machen wollen und sagen: Ich kaufe das Telefon, weil ich der Marke vertraue. Die Leute erwarten zu Recht vom Handel qualifizierte und nachhaltige Sortimentskompetenz. Beratung als solche findet gar nicht mehr statt. Der Handel setzt auf die kurzlebigen Schnelldreher. Wir müssen Unternehmen in die Pflicht nehmen, Produkte herzustellen, die sich aufs Wesentliche konzentrieren und das in einer Qualität, die den von der kaufenden Gesellschaft zu setzenden Mindeststandards genügt. Ihr Blog schafft ja Bewusstsein für das Problem der geplanten Obsoleszenz. 

Wird dadurch ausreichend Druck auf die Hersteller ausgeübt oder müssen noch andere Wege gegangen werden? 

Schridde: Auf jeden Fall brauchen wir auch andere Wege. Aktuell veröffentliche ich ein für die Fraktion der Grünen/ Bündnis‘90 im Bundestag erstelltes Gutachten, das ca. 50 Beispiele für geplante Obsolezenz sowie mehr als 70 Handlungsempfehlungen enthält, wie wir die geplante Obsoleszenz beenden können. Dann planen wir das „Murkseum“ in Berlin. Da sollen Produkte mit geplanter Obsoleszenz vorgestellt werden. Wir wollen auch Produktentwickler dorthin einladen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Außerdem verfassen wir derzeit ein Gutachten über Testergebnisse der Stiftung Warentest. Wir prüfen Produkttestergebnisse, die mit „sehr gut“ getestet wurden, und zeigen an diesen, wo geplante Obsolezenz übersehen wurde. Damit wollen wir zeigen, dass auch Stiftung Warentest seine Bewertungskriterien überprüfen und erweitern muss. Alternativen in der Herstellung werden heute nämlich gar nicht überprüft. Dabei könnte man in der Herstellung von Konsumgüterelektronikprodukten mit einer zusätzlichen Investition von einem Euro Materialkosten pro Stück oft schon eine um zehn Jahre verlängerte Haltbarkeit erreichen. 

Wenden sich mittlerweile auch Hersteller an Sie, weil für sie das Verbraucherfeedback interessant sein könnte? 

Schridde: Bisher waren es eher Trittbrettfahrer, die „Murks? Nein danke!“ als Plattform für neu entwickelte Positiv- Label nutzen wollten. Aber ich wurde auch schon von Unternehmen eingeladen und habe dort mit Produktentwicklern zusammengesessen. Es bewegt sich also etwas, erste Schritte sind gemacht. Es muss jedoch noch deutlich mehr geschehen, damit wir eine breite öffentliche Debatte erhalten. Was ebenso noch nicht stattfindet, ist die Beschäftigung mit der Frage, wie wir wegkommen von der Betrachtung des Produktzyklus und hinkommen zu Stoffkreisläufen, in denen Kunden keine Endverbraucher, sondern Partner sind. 

Was sind Ihre nächsten Schritte? 

Schridde: Wir sind gerade dabei, einen bürgerschaftlich orientierten Verbraucherschutzverein zu gründen. Dieser soll Initiativen und Kampagnen rund ums Thema geplante Obsoleszenz planen, durchführen und auch Seminare und Workshops anbieten. Eintreten kann jeder, dem das Thema am Herzen liegt. Für das „Murkseum“ sind wir gerade auf der Suche nach Sponsoren und einem Standort in Berlin. Geplant ist, das „Murkseum“ noch dieses Jahr zu eröffnen. Insgesamt möchten wir die Bewegung auf eine breitere Basis stellen. Ich werde mittlerweile sehr viel für Vorträge aus dem deutschsprachigen Raum angefragt und es kommen immer mehr Menschen, die mitmachen und sich engagieren wollen. Dazu dient der Verein, den wir gerade gründen. Es soll eine Anlaufstelle für Interessierte sein und auch dabei helfen, Spendengelder zu bekommen. Social Business ist hier die große Klammer. Ich bin ein großer Freund davon, gesellschaftliche Lösungen so zu organisieren, dass sie Geld einbringen und Arbeitsplätze schaffen.